Zurück nach Wrocław

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Der Zug von Berlin nach Wrocław fährt direkt, ich brauche nicht umzusteigen. Schon im Spreewald beginnt das Land der Slawen – Lübbenau (Spreewald), steht auf dem einen Schild am Bahnhof, und auf dem anderen steht Lubnjow (Błota) – das ł im Sorbischen zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht. Ich notiere mir Gedanken in mein Notizbuch. Kaum sind wir hinter Grenze, schon ist die Strecke unebener, man sieht den Unterschied an meiner Schrift, sie ruckelt und krakelt sich über das Papier nicht wie sonst als weiche runde Tierchen, sondern eckig wie Heftklammern oder kleine Drähte.

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Vor dem Fenster zieht die niederschlesische Landschaft vorbei. Vor fast genau sechs Jahren bin ich zum ersten Mal in diesem Winkel der Welt gewesen. Ich versuche mich daran zu erinnern, aber viel kann ich nicht aus den Untiefen meines Gedächtnisses hervorkramen. Ich habe damals das erste, vielleicht das einzige Mal in meinem Leben Heimweh empfunden, und das hat vieles überschattet. Es hat einen schwarzen Schleier um mich gelegt, der die Aufregung und die Vorfreude verhindert hat, die ich sonst auf dem Weg in das große Unbekannte stets empfunden habe. Die „cudne manowce“ kommen mir in den Sinn, aus einem Lied des polnischen Kultdichters Edward Stachura. Das bedeutet so etwas wie „zauberhafte Abwege“. Meine Kollegin Renata sagt, man kann das kaum übersetzen, weil Abwege für die effizienten und pragmatischen Deutschen niemals zauberhaft sind. Wenn das so ist, bin ich wohl wirklich nicht besonders deutsch.
Nun blicke ich auf kleine Dörfer, deren Bahnhofsgebąude so häufig preußisch aussehen und aus denen weiße Rathaustürme hervorragen, die von eckigen Zinnen geziert sind, im Tudor-Stil. Sie sehen genauso aus wie im Glatzer Land, in der Ziemia Kłodzka, wohin ich damals unterwegs war, und ich kann nicht fassen, dass mich nur oder schon sechs Jahre davon trennen sollen, wer ich zu jener Zeit gewesen bin.

Als ich nun zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder in den Hauptbahnhof in Wrocław einfahre, bringe ich zuerst gar nicht zusammen, wo ich mich befinde und was ich vor mir sehe. Alles ist neu, alles ist anders. Das Bahnhofsgebäude ist in leuchtendem Orange gestrichen.

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Die Bahnhofshalle ist hell und hoch und verglast. Zur Europameisterschaft 2012 ist alles renoviert worden. Ich erinnere mich an eine dunkle, siffige Hölle, an unfreundliche ältere Damen hinter den Schaltern, an meine leichte Panik, als ich einmal beinahe kein Ticket für den Nachtzug nach Stettin mehr bekommen hätte und mich schon eine Nacht allein auf dem zugigen, muffigen Bahnsteig verbringen sah.

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In der Unterführung zu den Gleisen hin waren früher zahlreiche kleine Kiosks und Imbissbuden – sie sind alle verschwunden, stattdessen sind Schließfächer angebracht und alles ist glatt und edel gefliest. Was wohl aus den Betreibern der kleinen Lädchen und Büdchen geworden ist?

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Es ist nicht mehr der gleiche Ort. Alles ist ausgeschildert, alles ist mehrsprachig. Ich wünschte, ich hätte jetzt einige von den Menschen an meiner Seite, die sich Polen als rückständig, grau, hässlich und billig vorstellen. Ihnen würden die Augen aus dem Kopf fallen.

Ich fahre zwei Tage später rückwärts aus dem Hauptbahnhof in Wrocław hinaus und schaue geradeaus aus dem Fenster dabei zu, wie das große orangefarbene Gebäude sich von mir entfernt. In diesem Moment habe ich das paradoxe Gefühl, gleichzeitig zurück und nach vorn zu schauen – zurück auf den Ort, den ich jetzt gerade verlasse und nach dem ich mich jetzt schon wieder sehne in einem umgekehrten Heimweh. Aber doch auch nach vorn in meine Zukunft, die mir hoffentlich ein neues polnisches Abenteuer schenken wird, eines ohne Heimweh nach Deutschland; die Zukunft, die mir vielleicht erlauben wird, dieses Land weiter zu begreifen, zu erkunden, und mit sehr viel Glück sogar gestattet, es mitzugestalten.

Woher meine Liebe zu Polen rührt? Ich weiß es nicht. Und ist nicht die reinste Liebe die, die keiner Erklärung bedarf?

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